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Antworten & Fragen

Neil Vaggers ist Musiker und hat die Musik für „Victor oder die Kinder an der Macht“ geschrieben und arrangiert.

How did you create the music for „Victor“? 

I learnt from an interview with David Bowie to record ideas or write them down straight away, as quickly as they come, even if it’s 3o’clock in the morning! Trying to remember a lost idea is like trying to remember a dream. I work this way and my intuition, spontaneity and experience work with me.

It is a great pleasure for me to move in Theater with a team of talented and creative artists and watch the way ideas develop into songs and then into parts of an ever changing, live, living performance. With thanks to the Rolling Stones and the voice of Macedonia. Pas plus Pille Palle. 

Neil Vaggers 09.2019


Claudia Karpfinger und Katharina Schmidt haben neben den Kostümen auch die Bühne für Victors Geburtstagsfeier entworfen.

Wie seid ihr vorgegangen, um diesen Ort zu erfinden? 

Wir haben versucht einen Ort für das bürgerliche Leben im Stück zu finden, ohne jedoch einen Salon oder ein Schlafzimmer eins zu eins abzubilden.

Gleichzeitig wollten wir einen Raum kreieren, der Situationen, die in dem Stück vorkommen, ermöglicht. Wir entschieden uns für eine Bühne, in der durch Höhenunterschiede eigene kleine Räume entstehen – jedoch ohne den Bezug zueinander verlieren. Während Victor beginnt, seine Eltern herauszufordern, befinden sich alle Figuren stets im selben Raum und doch an unterschiedlichen Orten. 
Beim gemeinsamen Konzipieren wurde uns schließlich klar, dass wir die Umgebung für das Stück als einen angemieteten Tanzschuppen erzählen wollten, als etwas in die Jahre gekommene Disco. Dafür haben wir unterschiedlichste Elemente zusammengeführt. Eigentlich wollten wir sogar die „Busentapete“ aus dem ehemaligen X-cess an die Wände kleistern. Es wurde dann schließlich eine riesige Discokugel-Tapete, designed by Barbara Becker. 
Als wir bei der Recherche auf den folgenden, durch die Band FSK bekannten Spruch stießen, wussten wir, dass wir auf der richtigen Spur sind: 
Heute Disco Morgen Umsturz Übermorgen Landpartie.


Tine Hagemann ist Puppenbauerin und Puppenspielerin. Für „Victor oder die Kinder an der Macht“ hat sie Victors Hamstermaske gebaut.

Was war dir beim Bauen dieser Maske wichtig und wie hast du Victors Gesicht gestaltet?

Ich wollte, dass der Kopf des Hamsters so aussieht, dass man darunter keine Haut und kein Fleisch sehen kann. Der Mensch sollte hinter dieser Hamstermaske nicht mehr zu sehen sein. Bei einer Puppe baue ich ein ganz eigenes Innenleben. Bei einer Maske ist das anders, schließlich befindet sich darunter oder dahinter ein Mensch. Damit die Maske möglichst gut passte, habe ich mit einem Gipskopf gearbeitet und die Maske an den Körper des Victor-Darstellers angepasst.

Um das Gesicht des Hamsters zu gestalten, habe ich versucht die Proportionen eines Hamstergesichtes in die Maske zu übertragen. Doch Victor sollte kein schöner Feld- und Wiesenhamster sein, sondern ein etwas runtergekommener Straßenhamster aus dem Gulli. 

(die Interviews wurden geführt von Laura Mangels)

Pressestimmen

Dada meets Punk

(…) es wäre schön, wenn das Theater für diesen Mut und dieses Engagement mit einer großen Zahl an Besuchern belohnt werden würde. Verdient wäre es allemal. Roger Vitrac (…) zählt nicht unbedingt zu den Dauergästen in den Spielplänen, doch seine dramatische Kunst zu erleben ist ein echter Gewinn (…) ein anarchisches Manifest für die Rebellion wider die bürgerliche Lebensart schlechthin. (…)

Victor (…) entlarvt seinen Vater Charles Paumelle, bigott und stetig um Contenance ringend, gespielt von Peter Papakostidis. Dabei hat Victor eine standhafte Verbündete: Esther Magneau, von einer fragilen und zurückhaltend agierenden Verena Richter gestaltet, die sich im Verlauf des Abends als wunderbare Saxophonistin und Dada-Poetin entpuppt. Gemeinsam mit ihr führen beide Thérèse Magneau, Esthers Mutter, entlarvt als die Geliebte von Victors Vater, vor. Melda Hazirci wehrt die Anschuldigungen und Anspielungen mit großäugiger Ignoranz ab, lässt sich allerdings auch, die Plagen wollen einfach nicht Ruhe geben, zu Gewalttätigkeiten hinreißen. Esters vermeintlicher Vater Antoine Magneau, auch der Hahnrei genannt, wird sich am Ende umbringen, denn obgleich Rainer Haustein ihm eine vordergründige Robustheit verleiht, zerbricht er letztlich an seinem eigenen Innenleben (…). Emilie Paumelle, Victors Mutter, ist mehr Spielball der Ereignisse, denn Spielerin im verlogenen bürgerlichen Reigen. Sarah Schuchardt verleiht ihr eine Verletzlichkeit, die allerdings keine wirklichen Konsequenzen für sie hat, da man sich in einer chaotischen Groteske befindet und Ursache und Wirkung selten logisch und berechenbar sind. Die „obligatorische“ Figur im Stück ist General Etienne Lonsegur, ein Freund der Familie Paumelle. Neil Vaggers, der gemeinsam mit Verena Richter den musikalischen Part realisierte, erinnerte eher an einen Zirkus-Conférencier, entpuppte sich aber immerhin als freundlicher und mitfühlender Zeitgenosse. (…)  Der Kniefall vor Jarry, ein genialischer Dramatiker, ist unübersehbar. General Etienne Lonsegur wird am Ende gedemütigt und degradiert. So geht’s freundlichen Militärs.

(…) Bühnen- und Kostümbildnerinnen Claudia Karpfinger und Katharina Schmidt schufen einen Raum, der alles vorhielt, um der chaotischen Handlung einen barrierefreien Rahmen zu geben. Und so wurde munter drauflos gespielt, musiziert, deklamiert und auch gesungen. Es war ein kurzweiliger Abend, sofern man sich darauf einlassen konnte, der kruden Logik, den anarchischen Texten und dem seltsamen Verhalten der Figuren zu folgen. Victor, gespielt von Alexander Wagner, hatte einen Rattenkopf! Es gab immer wieder darstellerische und musikalische Kabinettstückchen, die auch Szenenapplaus provozierten. Doch wer da glaubt, vieles hätte keinen Sinn, der irrt. (…)

Das von Arno Friedrich aufregend und illuster in Szene gesetzte Stück ist eines über Aufruhr und Rebellion, hier von Kindern. Und das ist uns heute nicht fremd. (…) Im Übrigen könnte man meinen, dass einige Zeilen des Stücks aus dem heutigen politischen Diskurs entnommen seien, wenn Victor zu Verstehen gibt, dass die Zukunft bereits begonnen hat. (…)  In Vitracs Stück finden sich Kirchenkritik ebenso wie Moralkritik, die auch heute noch aktuell sind. Es benennt immer wieder den Wahnsinn des Krieges, vor allem aber brandmarkt es die Erwachsenen als Lügner und deren Welt als Lüge, die so keinen Bestand mehr haben kann.

Das Stück ist ein brandaktuelles und dank des versierten Händchens von Arno Friedrich ein sehr unterhaltsames Theaterereignis. In unserer durchstrukturierten Welt und in unserem ebenso durchstrukturierten Denken (…) kann Surrealismus, Anarchie und Dada, der hier auf Punk trifft, geradezu therapeutisch wirken. Also, ehe die Entscheidung für ein Wellness-Event fällt, sei diese Inszenierung empfohlen, um die grauen Zellen mal wieder aus dem Kalk zu lösen, aufzuwirbeln und neu zu sortieren.

Wolf Banitzki (www.theaterkritiken.com)

Link zur vollständigen Kritik


Eine Stimme aus dem Kulturreferat:

„Beeindruckend, wenn angefangen von der Auswahl des Stückes, über die Besetzung der Rollen, Bühne, Regie, Dramaturgie, usw. irgendwie alle Parameter, die so ein internalisiertes Rezeptionsraster aktiviert, einschließlich des irritierenden Empfindens, dass dieses Lebensgefühl sehr aktuell ist, sich zu einem stimmigen, mit – fast allen Sinnen erfahrbaren – Gesamtkunst-Werk verdichten.“

Jury-Mitglied, Kulturreferat München, anonym


AZ vom 16.10.2019

was macht eigentlich…

Tine Hagemann – ausser für „Victor“ den Hamsterkopf? Aktuell ist sie im TamS Theater in München Schwabing als Spielerin zusammen mit Lorenz Seib in der Wiederaufnahme von „Schlimmes Ende“ von Philipp Ardagh zu sehen. Unbedingte Empfehlung! Figurentheater für Menschen ab 6 Jahren.

Musik übrigens ebenfalls von Neil Vaggers.

Ab 11.10.2019 6x immer FR SA SO um 17:00 Uhr www.tamstheater.de

Trailer

Hier gehts zur VORANKÜNDIGUNG in der Süddeutschen Zeitung

Ein Gespäch zwischen DADA und heute

Roger Vitrac: Ich höre schon: „Diese Wiederaufnahme, lohnt sich das?“ Ist das Werk veraltet? Der Autor ist älter geworden. Man sagt, das Alter flöße Ehrfurcht ein. Sicher. Aber aller Beginn liegt bei der Jugend…

König Ubu: Merdre! Schoiße!

Emilie Paumelle: Hört Victor! Er kann antworten! Er möchte antworten!

Therese Magneau: Ich hasse altkluge Kinder.

Greta Thunberg: Wenn ein paar Kinder auf der ganzen Welt Schlagzeilen machen können, indem sie einfach nicht zur Schule gehen, dann stellt euch vor, was wir gemeinsam erreichen könnten, wenn wir es wirklich wollen würden.

Charles Paumelle: Ich weiss nicht, warum alles auf einmal in die Brüche geht. Ich verstehe dies ganze Theater nicht.

Roger Vitrac: Und warum diese Grand Dame? Warum nicht eine Sphinx?

Victor: Die Frau aß ein Stück Brot 

J. L., Autor*in der Zeitung „L’Ami du peuple“: Nach einem ersten, sehr gut gespielten Akt, in dem die Figuren lebendig dargestellt waren, geriet das Stück im Schlepptau von Victor, einem frühreifen und perversen Kind, auf befremdliche Abwege!

Roger Vitrac: Victor ist vielleicht ein peinliches Werk. Und ich weiß sehr wohl, dass Verlegenheit der Feind des Vergnügens ist. Aber wer hindert das Publikum, sich sein Vergnügen auf Kosten des Autors zu holen?

Antonin Artaud: Dein Stück wird vollständig gespielt. All Deine Personen sind sehr wunderlich, voller Reize, Absonderlichkeit, verblüffend vor Lebendigkeit… trotzdem würde man gern sehen, dass sie etwas tun.

Emilie Paumelle: Aber setzt euch doch.

König Ubu: Schoiße! Ja!

Emilie Paumelle: Aperitivo? 

König Übu: Lecker Aperitivo!

Monsieur XY, der bei der Uraufführung eine Stinkbombe auf die Bühne warf: Ich habe bei der Uraufführung eine Stinkbombe auf die Bühne geworfen und würde dies jederzeit wieder tun.

Lucien Descaves, französischer Journalist: Ist ihnen aufgefallen, dass die Hauptrollen, die neun und sechs Jahre alt sind, von Schauspielern dargestellt werden, deren Wachstum seit langem abgeschlossen ist; das ist schon komisch. 

Victor, neun Jahre alt: Ich bin kein Kind! Es hat nie Kinder gegeben! 

Antonin Artaud: Mein lieber Vitrac, Deine Arbeit sollte jetzt abgeschlossen und die Broschüre hergestellt sein. All das ziehst sich schon zu lange hin. Kommen wir zu einem Ende. Ich habe genug.