ich hab das Gefรผhl, die Zukunft ist schon da. (Victor oder die Kinder an der Macht)



Hugo Ball – Aus dem Erรถffnungsmanifest des 1. Dada-Abend, Zรผrich 1916
Dada ist eine neue Kunstrichtung. Das kann man daran erkennen, dass bisher niemand etwas davon wusste und morgen ganz Zรผrich davon reden wird. Dada stammt aus dem Lexikon. Es ist furchtbar einfach. Im Franzรถsischen bedeutet’s โSteckenpferdโ. Im Deutschen โAddio, steigt mir bitte den Rรผcken runter, auf Wiedersehen ein ander Mal!โ Im Rumaenischen โJa wahrhaftig, Sie haben Recht, so ist es. Jawohl, wirklich. Machen wirโ. Und so weiter. Ein internationales Wort. (โฆ.) Ein Vers ist die Gelegenheit, mรถglichst ohne Worte und ohne die Sprache auszukommen. Diese vermaledeite Sprache, an der Schmutz klebt wie von Maklerhรคnden, die die Mรผnzen abgegriffen haben. Das Wort will ich haben, wo es aufhรถrt und wo es anfรคngt. Jede Sache hat ihr Wort; da ist das Wort selber zur Sache geworden. Warum kann der Baum nicht Pluplusch heissen, und Pluplubasch, wenn es geregnet hat? Und warum muss er รผberhauptetwas heissen? Mรผssen wir denn รผberall unseren Mund dran hรคngen?


DADA
war eine kรผnstlerische und literarische Bewegung, die 1916 von Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Hans Arp in Zรผrich begrรผndet wurde und sich durch Ablehnung โkonventionellerโ Kunst und Kunstformen und bรผrgerlicher Ideale auszeichnete. Vom Dada gingen erhebliche Impulse auf die Kunst der Moderne bis hin zur heutigen Zeitgenรถssischen Kunst aus. Fรผr ihre Revolte wรคhlten die Akteure dieser Bewegung die bewusst banal klingende Bezeichnung Dada.
totaler Zweifel an allem und die Zerstรถrung von gefestigten Idealen und Normen
Die durch die gesellschaftliche Moral bestimmten kรผnstlerischen Verfahren wurden durch einfache, willkรผrliche, meist zufallsgesteuerte Aktionen in Bild und Wort ersetzt. Die Dadaisten beharrten darauf, dass Dada(ismus) nicht definierbar sei.
Der Dadaismus stellte die gesamte bisherige Kunst in Frage, indem er ihre Abstraktion und Schรถnheit durch satirische รberspitzung zu reinen Unsinnsansammlungen machte, wie in sinnfreien Lautgedichten. Hugo Ball war der Erfinder des Lautgedichtes. Dabei wird das Zusammenspiel von Wortlaut und Bedeutung aufgebrochen und werden die Wรถrter in einzelne phonetische Silben zerlegt. Die Sprache wird ihres Sinnes entleert und die Laute werden zu rhythmischen Klangbildern zusammengefรผgt. Dahinter steht die Absicht, auf eine Sprache zu verzichten, die nach Ansicht der Dadaisten in der Gegenwart missbraucht und pervertiert ist. Mit den sogenannten Simultangedichten (Lautgedichte werden gleichzeitig von verschiedenen Menschen durcheinander gesprochen) wollten die Dadaisten auf die ohrenbetรคubende Gerรคuschkulisse der modernen Welt (in den Schรผtzengrรคben, in der Groรstadt โฆ) und auf die Verstrickung des Menschen in mechanische Prozesse aufmerksam machen.
Im Laufe des Ersten Weltkriegs breitete sich der Dadaismus in ganz Europa aus. รberall protestierten Kรผnstler durch gezielte Provokationen und vermeintliche Unlogik gegen den Krieg und das obrigkeitsstaatliche Bรผrger- und Kรผnstlertum. Gegen den Nationalismus und die Kriegsbegeisterung vertraten sie Positionen des Pazifismus und stellten sarkastisch die bisherigen absurd gewordenen Werte in Frage.
Hans Arp hatte einmal hรถchst anschaulich beschrieben, wie es ablief, wenn sie ihr Programm vollfรผhrten: โTzara lรคsst sein Hinterteil hรผpfen wie den Bauch einer orientalischen Tรคnzerin, Janco spielt auf einer unsichtbaren Geige und verneigt sich bis zur Erde. Frau Hennings mit einem Madonnengesicht versucht Spagat. Huelsenbeck schlรคgt unaufhรถrlich die Kesselpauke, wรคhrend Ball, kreidebleich wie ein gediegenes Gespenst, ihn am Klavier begleitet. โ Man gab uns den Ehrentitel Nihilistenโ.
Dada zerstรถrte die getrennten Ausdrucksweisen der Kรผnste und fรผhrte verschiedene kรผnstlerische Disziplinen zusammen, die zum Teil anarchisch miteinander verbunden wurden: Tanz, Literatur, Musik, Kabarett, Rezitation und verschiedene Gebiete der Bildenden Kunst wie beispielsweise Bild, Bรผhnenbild, Graphik, Collage, Fotomontage.
Die Dadaisten entdeckten den Zufall als schรถpferisches Prinzip.
Hans Arp hatte lange in seinem Atelier am Zeltweg an einer Zeichnung gearbeitet. Unbefriedigt zerriss er das Blatt und lieร die Fetzen auf den Boden flattern. Als sein Blick nach einiger Zeit zufรคllig wieder auf die Fetzen fiel, รผberraschte ihn die Anordnung. Sie besaร den Ausdruck, den er die ganze Zeit vorher gesucht hatte. Arp wandte das Prinzip auch auf seine Lyrik an: โWรถrter, Schlagworte, Sรคtze, die ich aus Tageszeitungen und besonders aus Inseraten wรคhlte, bildeten 1917 die Fundamente meiner Gedichte. รfter bestimmte ich auch mit geschlossenen Augen Wรถrter und Sรคtze โฆ Ich nannte diese Gedichte Arpaden.โ
Dada ist auch eine kรผnstlerische Reaktion auf die Erschรผtterungen der Zeit des Ersten Weltkrieges. Der Zerstรถrung aller gรผltigen Werte und bรผrgerlichen Normen durch den Ersten Weltkrieg sowie der daraus resultierenden kulturellen Leere wurde eine freie, respektlose Kunst entgegengestellt, die den Bรผrger beispielsweise mit Publikumsbeschimpfung provozieren sollte.
Die Figur CHARLES, รผberrascht รผber das plรถtzliche Auftauchen der Ida Totemar und empรถrt รผber die Unglaubwรผrdigkeit seines Autors, Roger Vitrac: Wenn ein Theaterautor es gewagt hรคtte, Sie [Ida Totemar ] gerade jetzt, in diesem Augenblick, erscheinen zu lassen, – man wรผrde empรถrt sein รผber soviel Unglaubwรผrdigkeit.
Surrealistisches Manifest
Das Manifeste du Surrรฉalisme (Manifest des Surrealismus) ist ein 1924 und als Nachdruck um ein Vorwort ergรคnztes 1929 in Paris verรถffentlichtes Manifest von Andrรฉ Breton. 1930 erschien das Second Manifeste du Surrรฉalisme (Zweites Manifest des Surrealismus), nachgedruckt 1946. Ab 1962 wurden sie zusammen mit anderen Texten unter dem Titel Les Manifestes du Surrรฉalisme verรถffentlicht. Bretons Manifeste sind die intellektuellen Grundlagen des Surrealismus.
Ausgehend von der dadaistischen Bewegung in Paris war der Surrealismus eine revolutionรคre Bewegung, die gegen die unglaubwรผrdigen Werte der Bourgeoisie antrat. Im Unterschied zum satirischen Dadaismus wurde im Surrealismus eine neuartige Sicht der Dinge, beeinflusst von Symbolismus, Expressionismus, Futurismus, den Schriften Lautrรฉamonts, Arthur Rimbauds, Alfred Jarrys und den Theorien Sigmund Freuds propagiert.

Andrรฉ Breton war eng mit der Entstehung der surrealistischen Bewegung in Frankreich verbunden. Zu Bretons grundsรคtzlichen Gedanken, die auch seine Anhรคnger teilten, gehรถrte die Auffassung, dass es keine objektiv gegebene รคuรere Wirklichkeit gibt. Breton verรถffentlichte 1924 sein erstes Manifeste du Surrรฉalisme in Paris und dominierte in der Folge die Bewegung. Fรผr die Dauer der Bewegung blieb das Manifest maรgebend, im sogenannten โZweiten surrealistischen Manifestโ von 1930 wurden nur geringfรผgige รnderungen vorgenommen.
1924 verfasste er das Manifest des Surrealismus, in dem er Surrealismus als einen โreinen psychischen Automatismusโ definierte: โIch glaube an die kรผnftige Auflรถsung dieser scheinbar so gegensรคtzlichen Zustรคnde von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realitรคt, wenn man so sagen kann: Surrealitรคt. Nach ihrer Eroberung strebe ich, sicher, sie nicht zu erreichen, zu unbekรผmmert jedoch um meinen Tod, um nicht zumindest die Freuden eines solchen Besitzes abzuwรคgen.โ
(Andrรฉ Breton: Erstes Manifest des Surrealismus, 1924)
1930 versuchte Breton im Zweiten Manifest des Surrealismus eine Neudefinition des Surrealismus als eine sozial-revolutionรคre Bewegung: โMarx sagt, die Welt verรคndern. Rimbaud sagt, das Leben verรคndern.โ โ Der Surrealismus sei die Synthese dieser beiden Ideen, er bekannte sich zur โsozialen wie zur psychischen Revolution.โ
(Andrรฉ Breton: Zweites Manifest des Surrealismus, 1930)
(Quelle: Wikipedia)


Brief von Antonin Artaud an Yvonne Domenica, Schauspielerin der Ida Totemar in der Urauffรผhrung 1928.
Brief an Ida Mortemart alias Domenica (1. Fassung) Madame,
Sie fragen mich, was ich von diesem gewagten und skandalรถsen Stรผck erwarte: das ist sehr einfach, ich erwarte alles von ihm (โฆ) Und ich sage noch mehr: ich fรผhre es mit Sicherheit auf. Ich bin dessen so sicher wie eines Mechanismus, der aufgezogen wurde, um zur festgesetzten Stunden seine Sprengladung zu zรผnden. (โฆ) Es gibt in diesem Stรผck einen Willen nach furchtbarer Wahrheit, nach grausamem Licht, das bis in die schmutzigsten Niederungen des menschlichen Unbewussten hineingetragen wird. (โฆ) Der Autor hat nicht im Ekelhaften, Abscheulichen oder Hรครlichen geschwelt, alles, was schmutzig oder ekelhaft ist, hat einen Sinn und darf nicht direkt aufgefaรt werden. Wir befinden uns hier mitten in der Magie, mitten in der menschlichen Alchimie. (โฆ)
Diese ekelhafte, diese abscheuliche Rolle – ich muร Ihnen nicht sagen, daร mir an ihr mehr als an allen anderen liegt, daร sie fรผr mich mit Abstand die schรถnste des Stรผckes ist. (โฆ )
Denn fรผr mich kann in der Gegenwart einer solchen Person nur fรผr echte Spieรer etwas Skandalรถses liegen. Es gibt nichts auf der Welt (selbst dies nicht), ich schwรถre es, nichts, das nicht durch tiefe Aufrichtigkeit gerettet werden kann. (โฆ) Nichts Menschliches kann schmutzig sein, wenn die Situation in der die Sache geschieht, fesselnd ist. Und diese ist es, wie Sie sehen kรถnnen, ganz und gar. Ich wรผnsche Ihnen, dass Sie am 24. Dezember die phantastische Gestalt der Ida Mortemart in Person werden.
Ich bin Ihr ergebener
Antonin Artaud
ZITATE ZITATE
โIch bin der รberzeugung, dass jedes Leben, das man รผberhaupt Leben nennen kann, in der Anstrengung besteht, seine Trรคume zu verwirklichen. Je anspruchsvoller diese Trรคume sind, desto schwerer ist ihre Verwirklichung. Es gehรถrt zu den Bedingungen unserer Existenz als Menschen, dass wir Trรคume haben. Ein verwirklichter Traum ist aber kein Traum mehr. Wer keine Trรคume mehr hat, ist so gut wie tot. Deshalb mรผssen unsere Trรคume immer grรถรer sein, als das, was uns erreichbar ist. Denn unser einziger Gewinn liegt im Scheitern bei der Verwirklichung unserer Trรคume. Jeder, dessen Trรคume hochfliegend genug sind, ist zum Scheitern verurteilt und sollte dies als Bedingung ansehen dafรผr, dass er รผberhaupt am Leben ist. Wenn er auch nur einen Augenblick denkt, er habe gesiegt oder er sei am Ziel, ist es auch schon zu Ende mit ihm.โ
(Eugene OโNeil)
โDiese Vorstellung vom โAmerican Dreamโ, deren Pointe in der zwar immer anzustrebenden aber nie endgรผltig gelingenden bzw. notwendig scheiternden Realisierung des Traums besteht, ist mir um einiges sympathischer als das einerseits geheimdienstliche und andrerseits der Sache nach planwirtschaftliche und totalitรคre Modell, das heute, gestรผtzt auf mรถglichst vollstรคndige Datensammlungen รผber jeden einzelnen Menschen, das Scheitern und die Tragรถdie verhindern soll. Diese Versuche, Risiken im โGeschรคftsleben und รผberhaupt im Leben umfassend zu beseitigen, diese neuen, durch Algorithmen gestรผtzten Wahrheitsfindungen, erinnern mich fatal an die planwirtschaftliche und totalitรคre Vorstellung, Sicherheit und Glรผck berechnen und nach objektiven Kriterien planen und den Menschen รผberstรผlpen zu kรถnnen. Langsam beginne ich zu glauben, was der aus Sankt Petersburg stammende Philosoph Boris Groys schon kurz nach der sogenannten Wende konstatierte: Die Sieger nehmen die Kultur der Besiegten an, nicht umgekehrt.โ
(Carl Hegemann)
โDann wird die Wissenschaft selbst den Menschen belehren, dass er selbst nichts anderes sei als eine Art Klaviertaste oder Drehorgelstiftchen… und dass auf der Welt auรerdem noch Naturgesetze vorhanden wรคren… Selbstverstรคndlich werden dann alle menschlichen Handlungen nach diesen Gesetzen mathematisch in der Art der Logarithmentafeln bis 10 000 berechnet und in einen Kalender eingetragen. Oder, noch besser, es werden einige wohlgemeinte Bรผcher erscheinen, in denen dann alles so genau ausgerechnet und bezeichnet ist, dass auf der Welt hinfort weder Taten aus eigenem Antrieb noch Abenteuer mehr vorkommen werden. Dann also werden die neuen รถkonomischen Verhรคltnisse beginnen; vollkommen ausgearbeitete und gleichfalls mit mathematischer Genauigkeit berechnete. Dann wird ein Kristallpalast gebaut werden, dann… Nun, mit einem Wort, dann wird der Mรคrchenvogel angeflogen kommen.โ
(Dostojewski – Aufzeichnungen aus dem Kellerloch)

„… Der Rรผckzug in den Urwald der Vereinzelung oder der Gegenentwurf, Angriff auf breiter Front, mit den Mitteln der Kunst unter einem Dach, Theater, sind Strategien, die Gestalt brauchen. Denken ist die erste Strategie. โDenken heiรt der Tendenz zur Selbsteinmauerung zu widerstehenโ, unterrichtet Marcus Steinweg, der Heiner Mรผller liebt. โTheater kann man nur mit Freunden machenโ, meint Mรผller am Ende seines Lebens; schwierig bis widersinnig an einem Ort, der sich durch Wahnsinn und durch Krise definiert. Tatsรคchlich ist in dem Gefรผge dialektisch aufgehoben, was diese Art der Kunst, die eine Lebenskunst ist, ausmacht. Realitรคt ist รผberkomplex, eigentlich Wahnsinn, und wenn es einen Zweck hat, liegt er darin, es auszuhalten. Die Kunst ist ein Weg dazu, sie bietet die Gegenwelt, den Gegenentwurf. Was wir Realitรคt nennen, ist nur ein andere Definition fรผr Krise. โKrisen sind Hรถhepunkte, die wir als Tiefpunkte wahrnehmenโ โ wieder Steinweg, der auch Shakespeare liest: โEs gibt kein Jenseits des Theaters, weil es kein Jenseits der Bรผhne gibt.โ Wir haben versucht, der Selbsteinmauerung zu widerstehen, wir haben versucht, den Wahnsinn zu kontrollieren. โTheater ist kontrollierter Wahnsinn, der Freiraum, in dem Kรผnstler spielenโ, Mรผller nochmal. Wir haben versucht, die Kontrolle in den Wahnsinn zu treiben. Wir haben Theater versucht, wir haben Theater behauptet.“
Thomas Martin und Benedikt Richert, 10. Juli 2017
โDie Bรผhne wird zum Ort, an den sich Realitรคt flรผchtet, die in der Welt keinen Platz mehr hat. Auรerhalb des Theaters wird immer nur ein Stรผck gespielt. Es hat den Titel: „Wie es euch zerfรคllt“. Es besteht aus Facetten einer sich auflรถsenden Welt, aus unendlich vielen, sich widersprechenden, aber grundsรคtzlich gleichberechtigten Perspektiven, weil nach dem Tode Gottes und dem unvermeidlichen Scheitern seiner politischen und wissenschaftlichen Ersatzsysteme keine Kriterien und Garantien fรผr Wahrheit und Wirklichkeit mehr aufzufinden sind. Das Theater aber, das sich vom Theater verabschiedet, sucht nicht nach der verlorenen Realitรคt, sondern schafft selber neue Wirklichkeiten: reflektierte, gestaltete Spezialwelten, die sind, was sie sind, die alles mรถgliche sind, nur kein Theater.โ
(Carl Hegemann – Tradition und Fort-Schritt)
„Ich denke tatsรคchlich, dass die Fรคhigkeit zum Traum verloren gegangen ist. Die Leute geben sich zufrieden mit dem Status Quo, es gibt in vielen Gesellschaften keinen Platz mehr fรผr Utopien, sie fehlen uns. Das fรผhrt dazu, dass es auch an Fortschritt fehlt, eine Konsequenz ist die Wiederkehr des Rรผckschritts, die Wiederkehr des Autoritรคren, die wir รผberall beobachten, und der galoppierende Rรผckschritt, den wir รผberall erleben.“
Josรฉ Eduardo Agualusa

โ… wie in der Ranking-Kultur jenes Bankenwesen kulminiert, das die Aufmerksamkeit als eine Wรคhrung handelt. Tรถricht! Als kรถnne es in Kunstfragen eine Hitlisten-Praxis geben. Top und Flop sind die Pendel-Pole einer Denkweise, die lรผstern auf das schaut, was als โUrteilโ unterm Strich erscheint โ und schon ist man unter Niveau. Top und Flop, das mediale Analphabeten-Abitur. Sternchenvergabe bei Kinostarts oder Buchneuheiten zum Beispiel werden gern mit Informationshilfe fรผr Leser legitimiert. Aber Kunst taugt nicht zur Tendenz, nicht zur Zensurenvergabe, nicht zur Alternative gut oder schlecht. Was der eine lobt, langweilt den anderen. Kรผrzlich schrieb uns jemand, Bewertungssternchen seien doch aber hilfreich, immerhin mรผsse doch eine gewisse Strecke bis zum nรคchsten Kino zurรผckgelegt werden, da wolle man schon ein Maร Sicherheit haben, ob sich der Weg lohne. Wer von der Kunstbewertung solche Garantien verlangt, ist schon der Banauserei in die Falle gegangen und weiร im Hinuntersturz in die Primitivitรคt nichts mehr von der Erotik jenes Nullpunktes, an dem Gewissheit endet, aber Erwartung beginnt.โ
(Hans-Dieter Schรผtt – Neues Deutschland, 28. September 2011)
โKein faschistischer Zentralismus hat das geschafft, was der Zentralismus der Konsumgesellschaft geschafft hat.โ
(Pier Paolo Pasolini, 1973)

โsobald das รsthetische zu einer Produktivkraft im postdisziplinรคren Kapitalismus wird, ist es seiner Kraft beraubtโ. (Christoph Menke) Wenn Kunst als Teil des Funktionssystems Zwecke, und seien sie noch so gut gemeint und begrรผndet, realisieren muss, ist es vorbei mit ihr. Sie unterwirft sich wie alles andere der Logik erfolgreicher Praxis. Sie verkรถrpert nicht mehr die andere dunkle Seite, sie schwimmt mit.โ
(Carl Hegemann – No Service / Gegen die Konsenskultur)

โDie Frage ist doch, dรผrfen Kรผnstler noch Macht haben oder geht allmรคhlich die gesamte Macht an die Leute รผber, die รผber die Verwertung von Kunst befinden – Museumskuratoren oder Kulturfunktionรคre oder Leute, bei denen man Antrรคge stellt, um Gelder zu bekommen. Das sind zugleich Filter, die bestimmte Sachen oder Ansรคtze aussieben. (โฆ) Mittlerweile ist die Angst, es sich mit jemandem zu verderben und seine Miete nicht mehr zahlen zu kรถnnen so groร, dass es auch รผberhaupt keine Solidaritรคt mehr gibt. (โฆ) Man nimmt sich aus der Verantwortung, wenn man jemanden holt, weil der ein dickes Telefonbuch hat und sich um die Finanzierung kรผmmert. Es gibt es zwei Wege. Entweder man versucht die finanzielle Situation zu verbessern und fรผhrt eine Strukturreform durch oder man lรคsst es alles weiter laufen und versucht Leute zu finden, die von woanders her Geld einbringen kรถnnen. Damit wird die Zweckfreiheit der Subvention untergraben. In dem Moment, wo viele Sponsoren nรถtig sind, um ein Theater am Laufen zu halten, gibt es andere Abhรคngigkeiten. Auch wenn man das Gegenteil behauptet. Wenn man sich in die Abhรคngigkeit von einem Sponsor begibt, ist man schon unglaubwรผrdig. Da kann man auf der Bรผhne machen, was man will. Dann ist man wirklich Ornament am Arsch des Kapitalismus. (โฆ) Das sagt man natรผrlich nicht laut sondern macht im Gegenteil Veranstaltungen, die heiรen dann โDisobedienceโ wie an der Tate Modern. Ungehorsam als Prinzip war das Thema. Den Kรผnstlern wurde gesagt: โIhr kรถnnt alles machen auรer irgendwelche Frontalangriffe auf den Hauptsponsor der Veranstaltung!โ Aber das ist genau der Knackpunkt. Es soll ungehorsam aussehen, aber es soll nicht wirklich ungehorsam sein.โ
(Bert Neumann – Die Stรถrung)








