Pressestimmen

Dada meets Punk

(…) es wäre schön, wenn das Theater für diesen Mut und dieses Engagement mit einer großen Zahl an Besuchern belohnt werden würde. Verdient wäre es allemal. Roger Vitrac (…) zählt nicht unbedingt zu den Dauergästen in den Spielplänen, doch seine dramatische Kunst zu erleben ist ein echter Gewinn (…) ein anarchisches Manifest für die Rebellion wider die bürgerliche Lebensart schlechthin. (…)

Victor (…) entlarvt seinen Vater Charles Paumelle, bigott und stetig um Contenance ringend, gespielt von Peter Papakostidis. Dabei hat Victor eine standhafte Verbündete: Esther Magneau, von einer fragilen und zurückhaltend agierenden Verena Richter gestaltet, die sich im Verlauf des Abends als wunderbare Saxophonistin und Dada-Poetin entpuppt. Gemeinsam mit ihr führen beide Thérèse Magneau, Esthers Mutter, entlarvt als die Geliebte von Victors Vater, vor. Melda Hazirci wehrt die Anschuldigungen und Anspielungen mit großäugiger Ignoranz ab, lässt sich allerdings auch, die Plagen wollen einfach nicht Ruhe geben, zu Gewalttätigkeiten hinreißen. Esters vermeintlicher Vater Antoine Magneau, auch der Hahnrei genannt, wird sich am Ende umbringen, denn obgleich Rainer Haustein ihm eine vordergründige Robustheit verleiht, zerbricht er letztlich an seinem eigenen Innenleben (…). Emilie Paumelle, Victors Mutter, ist mehr Spielball der Ereignisse, denn Spielerin im verlogenen bürgerlichen Reigen. Sarah Schuchardt verleiht ihr eine Verletzlichkeit, die allerdings keine wirklichen Konsequenzen für sie hat, da man sich in einer chaotischen Groteske befindet und Ursache und Wirkung selten logisch und berechenbar sind. Die „obligatorische“ Figur im Stück ist General Etienne Lonsegur, ein Freund der Familie Paumelle. Neil Vaggers, der gemeinsam mit Verena Richter den musikalischen Part realisierte, erinnerte eher an einen Zirkus-Conférencier, entpuppte sich aber immerhin als freundlicher und mitfühlender Zeitgenosse. (…)  Der Kniefall vor Jarry, ein genialischer Dramatiker, ist unübersehbar. General Etienne Lonsegur wird am Ende gedemütigt und degradiert. So geht’s freundlichen Militärs.

(…) Bühnen- und Kostümbildnerinnen Claudia Karpfinger und Katharina Schmidt schufen einen Raum, der alles vorhielt, um der chaotischen Handlung einen barrierefreien Rahmen zu geben. Und so wurde munter drauflos gespielt, musiziert, deklamiert und auch gesungen. Es war ein kurzweiliger Abend, sofern man sich darauf einlassen konnte, der kruden Logik, den anarchischen Texten und dem seltsamen Verhalten der Figuren zu folgen. Victor, gespielt von Alexander Wagner, hatte einen Rattenkopf! Es gab immer wieder darstellerische und musikalische Kabinettstückchen, die auch Szenenapplaus provozierten. Doch wer da glaubt, vieles hätte keinen Sinn, der irrt. (…)

Das von Arno Friedrich aufregend und illuster in Szene gesetzte Stück ist eines über Aufruhr und Rebellion, hier von Kindern. Und das ist uns heute nicht fremd. (…) Im Übrigen könnte man meinen, dass einige Zeilen des Stücks aus dem heutigen politischen Diskurs entnommen seien, wenn Victor zu Verstehen gibt, dass die Zukunft bereits begonnen hat. (…)  In Vitracs Stück finden sich Kirchenkritik ebenso wie Moralkritik, die auch heute noch aktuell sind. Es benennt immer wieder den Wahnsinn des Krieges, vor allem aber brandmarkt es die Erwachsenen als Lügner und deren Welt als Lüge, die so keinen Bestand mehr haben kann.

Das Stück ist ein brandaktuelles und dank des versierten Händchens von Arno Friedrich ein sehr unterhaltsames Theaterereignis. In unserer durchstrukturierten Welt und in unserem ebenso durchstrukturierten Denken (…) kann Surrealismus, Anarchie und Dada, der hier auf Punk trifft, geradezu therapeutisch wirken. Also, ehe die Entscheidung für ein Wellness-Event fällt, sei diese Inszenierung empfohlen, um die grauen Zellen mal wieder aus dem Kalk zu lösen, aufzuwirbeln und neu zu sortieren.

Wolf Banitzki (www.theaterkritiken.com)

Link zur vollständigen Kritik


Eine Stimme aus dem Kulturreferat:

„Beeindruckend, wenn angefangen von der Auswahl des Stückes, über die Besetzung der Rollen, Bühne, Regie, Dramaturgie, usw. irgendwie alle Parameter, die so ein internalisiertes Rezeptionsraster aktiviert, einschließlich des irritierenden Empfindens, dass dieses Lebensgefühl sehr aktuell ist, sich zu einem stimmigen, mit – fast allen Sinnen erfahrbaren – Gesamtkunst-Werk verdichten.“

Jury-Mitglied, Kulturreferat München, anonym


AZ vom 16.10.2019
IN-München, Oktober/November 2019
Münchner Feuilleton, November 2019